Wir lernen von den Menschen.

Im Interview mit Monika Dylewska-Libera, Direktorin, und Jakub Walczyk, Stellvertretender Direktor des Gdański Archipelag Kultury (GAK)

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Das GAK wurde 1967 als städtisches Zentrum für Kultur ins Leben gerufen und 2007 als Gdański Archipelag Kultury neu gegründet.

Das Gdański Archipelag Kultury (GAK) verteilt sich über acht Standorte in sieben Stadtteilen – und schon der Name verrät das Selbstverständnis: nicht ein Haus, sondern ein Zusammenschluss aus vielen kleineren „Inseln“. Was 1967 als städtisches Kulturzentrum mit Konzerten, Festivals und Großveranstaltungen begann, befindet sich seit vier Jahren in einer leisen, aber konsequenten Transformation. Direktorin Monika Dylewska-Libera und ihr Stellvertreter Jakub Walczyk arbeiten daran, das GAK von einer Impresario-Institution zu einem Ort echter Mitgestaltung zu machen – hier wird das Programm nicht einfach präsentiert, sondern gemeinsam mit den Nachbarschaften entwickelt.

Am Rande unseres Besuchs sprach Cornelius Puschke mit Monika Dylewska-Libera, Direktorin, und Jakub Walczyk, Stellvertretender Direktor.

Jakub Walczyk und Monika Dylewska-Libera während ihres Vortrags im GAK. © Carl Ahner

Cornelius Puschke (CP): Könntet ihr mir bitte etwas über die Geschichte des GAK, seine Entwicklung und den aktuellen Stand erzählen?

Monika Dylewska-Libera (MDL): Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1967. Damals wurden wir als städtisches Zentrum für Kultur gegründet und in den 1990er Jahren dann in „Danziger Kulturarchipel“ (Gdański Archipelag Kultury) umbenannt – ein sehr poetischer Name. Unsere Einrichtung besteht aus acht Zweigstellen in sieben Stadtteilen von Danzig.

CP: Wenn ihr also von einem Archipel sprecht, was bedeutet das konkret? Was steckt dahinter?

MDL: Wir haben acht Gebäude, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen. Der Begriff „Archipel“ beschreibt die Zusammenarbeit zwischen diesen Häusern.

CP: So wie Inseln, die irgendwie miteinander verbunden sind.

MDL: Ja, aber wir verwenden die Abkürzung GAK, weil wir eine Institution mit einem Team sind, wir fühlen uns nicht getrennt wie Inseln.

„Wir wollen unsere Ressourcen nutzen, um lokale Künstler:innen zu unterstützen und mit den Gemeinschaften zu interagieren.“

CP: Das war also in den 1960er Jahren, aber dann hat sich die Institution auch verändert, entsprechend den politischen Entwicklungen in der Stadt und so weiter. Wie war das?

MDL: Ja, wir haben uns verändert, aber nicht so stark. Die Kunstvermittlung war immer ein Teil von uns, der gesamte künstlerische Bereich mit Musik und Tanz. Die Hauptstruktur der Institution bestand darin, all dies in einem zu vereinen. Wir sind also eine Galerie, ein Nachbarschaftszentrum, ein Bildungszentrum und ein Konzertsaal. Wir haben jeden Zweig der Kulturindustrie in einer Organisation vereint. Wir blicken auf eine lange Geschichte der Ausrichtung großer Veranstaltungen, großer Konzerte und großer Musikfestivals zurück. Jetzt richten wir unsere Arbeit stärker auf die Stadtgemeinden aus, um mit Menschen aus der lokalen Nachbarschaft zusammenzuarbeiten.

Jakub Walczyk (JW): Wir haben uns tatsächlich von einer „Impresario-Institution“, die große Konzertspektakel und viele öffentliche Veranstaltungen präsentiert, zu einer Institution gewandelt, die sich für die lokalen Gemeinschaften engagiert. Wir beziehen die Nachbarschaften mit ein, nicht nur, damit diese passiv ein kuratiertes Programm erleben, sondern vielmehr, um es gemeinsam mit ihnen zu gestalten, um Mitbestimmungsmöglichkeiten zu schaffen und zusammenzukommen. Aber wie Monika sagte, ist es eigentlich kein Change-Prozess, sondern eher eine Transformation, weil wir dieses Impresario-Modell um unsere Community-Arbeit ergänzen.

MDL: Und wir verändern dabei das Mischungsverhältnis.

JW: Ja, wir holen nicht nur die großen Fernsehstars zu uns, sondern versuchen, experimentellere Dinge zu machen. Wir wollen unsere Ressourcen nutzen, um lokale Künstler:innen zu unterstützen und mit den Gemeinschaften zu interagieren.

Die Geförderten im Gespräch mit der Direktorin und dem stellvertretenden Direktor. © Carl Ahner

CP: Es war also eine strategische Verschiebung von Präsentation hin zu Partizipation. Aber warum habt ihr das getan?

MDL: Um an Hochkultur teilzuhaben, wie zum Beispiel an der Oper, muss man darauf vorbereitet sein. In Polen bereitet die Kunstausbildung in den Schulen die Menschen nicht darauf vor, moderne Kunst zu verstehen. Diese Art der Bildung ist also eine wichtige Aufgabe, ein Prozess. Und wir wollen langfristige Prozesse anstreben, nicht nur schnelle Veranstaltungen wie Konzerte. Das ist die wichtigste Veränderung, die wir in dieser Institution auf den Weg bringen wollen.

„Unser Ziel ist es, das Museum für verschiedene Menschen zu öffnen, zum Beispiel indem wir Menschen mit Behinderungen in unsere Arbeit einbeziehen.“

JW: Das hängt auch mit unserem eigenen beruflichen Hintergrund zusammen: Monika war Leiterin der Bildungsabteilung im Nationalmuseum, und ich arbeitete als Leiter der Abteilung für öffentliche Programme im Centrum Kultury ZAMEK in Poznań. Unser Ziel ist es, das Museum für verschiedene Menschen zu öffnen, zum Beispiel indem wir Menschen mit Behinderungen in unsere Arbeit einbeziehen.

CP: Partizipation in eurer täglichen Arbeit hängt also sehr stark mit Bildung zusammen. Nicht in dem Sinne, dass ihr anderen Menschen vorschreibt, woran sie teilnehmen müssen, sondern vielmehr, indem ihr auf die Menschen eingeht und ihnen zuhört.

JW: Ja.

CP: Und fließt das zurück in eure institutionelle Praxis?

MDL: Ja, wir ermutigen Menschen mit den unterschiedlichsten Bildungshintergründen, zu uns zu kommen und sich beispielsweise auf der einfachsten Ebene mit dem Philharmonie Orchester zu unterhalten.

Ein gemeinsamer Spaziergang über das Gelände. © Carl Ahner

JW: Genau, aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen, die in der Schule gezwungen werden, beispielsweise ein Konzert des Philharmonischen Orchesters zu besuchen, es nicht verstehen. Sie werden zu diesen Institutionen nicht zurückkehren. Wir ermutigen unsere Besucher:innen es offen auszusprechen, wenn sie etwas nicht verstehen und möchten ihnen das Gefühl geben, dass das in Ordnung ist und man trotzdem teilnehmen kann, auch ohne spezifisches Wissen. Aber wir müssen ihnen zuhören, das ist superwichtig.

CP: Wenn ich mir anhöre, wie ihr das klassische Verständnis von Lernen und Bildung beschreibt, würde ich sagen, dass es sich um ein vertikales Verständnis von Wissen handelt. Vorhin habt ihr erwähnt, dass ihr das GAK als eine Plattform beschreibt, die für ein horizontales Verständnis von Wissen steht. Aber: Wer lernt von wem und wie?

MDL: Wir lernen von den Menschen.

CP: Und welche Art von Wissen fließt konkret in eure Arbeit ein?

JW: Der erste Schritt besteht immer darin, den Menschen das Gefühl zu geben, bei uns gut aufgehoben zu sein, und ihnen klarzumachen, dass sie nicht verurteilt werden. Wir wollen einen sichereren Raum schaffen, in dem sich die Menschen frei fühlen können, ohne Angst haben zu müssen, verletzt zu werden. Unser Ausgangspunkt ist immer die Achtung der Menschenrechte. Und wir versuchen grundsätzlich, unsere Bildungsmaterialien in zwei Sprachen vorzubereiten: Die eine ist die normale Sprache, die andere eine leicht lesbare Sprache.

„Bei eher geschlossenen Gruppen verfolgen wir die Strategie der Selbstvertretung, indem wir die Verantwortung für Veranstaltungen denjenigen übertragen, die über das jeweils relevante Fachwissen verfügen.“

CP: Theoretisch gesehen verstehe ich eure Arbeitsweise und wie ihr das umsetzt vollkommen. Aber ich denke, die entscheidende Frage ist, wie ihr eure Ideen und Pläne zu den Menschen bringt. Wie gut seid ihr mit in den Quartieren vernetzt? Und warum interessieren sich die Menschen eigentlich für euch? Wie funktioniert das ganz praktisch?

MDL: Wir sind viel vor Ort. Wir kennen die Stadtteile und die lokalen Akteur:innen. Wir arbeiten auch viel mit den Erinnerungen der Menschen, den Erinnerungen daran, was hier in den 1980er Jahren passiert ist. Dass wir uns oft mit ihnen treffen, dadurch vertrauen uns die Menschen. Wir sind für die Bürger:innen von Gdańsk da, und das spüren sie.

JW: Bei eher geschlossenen Gruppen verfolgen wir die Strategie der Selbstvertretung, indem wir die Verantwortung für Veranstaltungen denjenigen übertragen, die über das jeweils relevante Fachwissen verfügen. Beispielsweise wenn wir mit tauben Menschen zusammenarbeiten. Wir veranstalten einen Filmclub in Gebärdensprache, in dem Filme aus Lautsprache vor Ort in polnische Gebärdensprache übersetzt werden. Dazu laden wir keine Filmexpert:innen von der Universität ein, sondern eine gehörlose Filmexpertin, die nach der Vorführung die Diskussion in Gebärdensprache leitet. Es ist wichtig, dass sie das Treffen in ihrer Erstsprache leiten kann und wir es von Gebärdensprache in Lautsprache übersetzen. So können auch Menschen wie ich, die keine Gebärdensprache verstehen, an den Gesprächen teilnehmen und mit den tauben Menschen interagieren. Selbst wenn wir keine:n Dolmetscher:in haben, können wir uns trotzdem per Textnachricht austauschen und andere Wege finden, uns zu verbinden.

MDL: Und durch diese Veränderung unserer Praxis begannen taube Menschen auch, an anderen Veranstaltungen unseres Programms teilzunehmen, was sie zuvor nie getan hatten. Wir können auch ohne Dolmetscher:innen miteinander in Kontakt treten.

Monika Dylewska-Libera © Carl Ahner

CP: Ihr geht also nicht nur auf Projektebene auf Menschen zu, wo ihr sie nur im Hinblick auf eure spezifischen Bedürfnisse ansprecht und euch danach wieder verabschiedet, sondern bezieht sie auch in die Entscheidungsprozesse und die Kuratierung mit ein. Sie können eure Ressourcen und Strukturen wirklich nutzen, um ihre eigene Agenda zu entwickeln.

JW: Wir lernen gerade, wie das geht. Es ist ein Prozess.

MDL: Manchmal können Außenstehende nicht verstehen, was eine öffentliche Einrichtung ist. Sie glauben, wenn etwas öffentlich ist, sei es exklusiv für sie bestimmt. Aber um sicherzustellen, dass unsere Ressourcen gerecht verteilt werden, brauchen wir eine organisatorische Struktur, die die Bedürfnisse vieler Menschen respektiert. Wir investieren viel Arbeit darin, diese Prozesse transparent zu gestalten.

„Die Verletzung von Menschenrechten ist unsere Grenze.“

CP: Wie würdet ihr den Grad an Offenheit beschreiben, den ihr derzeit habt? Und: Wie weit könnt ihr eure Prozesse tatsächlich öffnen? Oder gibt es auch gewisse Grenzen?

MDL: Die Verletzung von Menschenrechten ist unsere Grenze. Extremist:innen sind hier nicht willkommen. Wir unterstützen keine politischen Flügel. Wir wollen diese Offenheit, aber natürlich haben wir Grenzen.

JW: Manchmal müssen wir auch das Publikum bremsen, weil es ein weiteres Konzert will, wir aber wissen, dass unser Team erschöpft ist und sich ausruhen muss. Sie können nicht 24/7 arbeiten. Natürlich ist es auch schön, dass die Leute mehr von uns wollen, mehr Konzerte, mehr Veranstaltungen, mehr von allem. Aber trotzdem müssen wir schlafen.

Monika Dylewska-Libera und Jakub Walczyk im Gespräch. © Carl Ahner

CP: Aber wenn man in einer Situation ist, in der die Leute ihre Wünsche und Erwartungen formulieren und wollen, dass man mehr tut, ist das ein wirklich schönes Zeichen, denn das zeigt, dass die eigene Arbeit für sie relevant ist. Es gefällt ihnen und sie wollen mehr davon.

JW: Es ist wirklich cool, dass die Leute mehr wollen. Aber für uns, die wir an vorderster Front stehen, ist das eine echte Herausforderung.

CP: Interessant. Sobald man also diesen Moment der Relevanz erreicht hat – den Übergang von der Präsentation zur Partizipation –, und die Menschen sich wirklich einbezogen fühlen und das Gefühl haben, hier tatsächlich etwas bewirken zu können, muss man Kriterien entwickeln und transparent machen, wo die Grenzen liegen und was man leisten kann.

MDL: Ja, es ist sehr wichtig, über Grenzen zu sprechen.

CP: Natürlich, um zu vermeiden, dass die Arbeit die Kapazitäten übersteigt, um Burnouts zu verhindern und eine gesunde Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Ich wünsche euch dafür alles Gute. Ich würde gerne in etwa fünf oder zehn Jahren wieder vorbeikommen und sehen, wie sich eure Arbeit entwickelt. Vielen Dank.

Steckbrief

Gdański Archipelag Kultury (GAK)

Gründungsjahr: 1967 / Neugründung als Gdańsker Kulturarchipel im Jahr 2007

Anzahl der Mitarbeitenden: 70

Jahresbudget (Festbudget, Drittmittel, Spenden/private Mittel): 14 Millionen

Rechtsform: Öffentliche Einrichtung

Organigramm: Programmatische, finanzielle, organisatorische und operative Säulen

Anzahl der Veranstaltungen pro Jahr: 700

Anzahl der Besuchenden pro Jahr: 230.000

Art der Veranstaltungen: Großveranstaltungen wie Konzerte, Aufführungen und Open-Air-Events sowie partizipative und animationsbasierte Aktivitäten, die in der Publikumsentwicklung und der gemeinschaftsorientierten Kulturarbeit verwurzelt sind.