Geschichtsmuseen sind die Schatzkammern der Vergangenheit.

Im Interview mit Jan Daniluk, leitender Fachreferent in der Wissenschaftlichen Abteilung des Museum des Zweiten Weltkriegs

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Das Museum des Zweiten Weltkriegs wurde 2008 gegründet und zieht jährlich über 600.000 Besuchende an (2025).

Das Museum von außen. © Carl Ahner

Im polnischen Gdańsk steht mit dem Museum des Zweiten Weltkriegs eines der ambitioniertesten Geschichtsmuseen Europas. Mit einer beeindruckenden Dauerausstellung macht es erfahrbar, aus wie vielen Perspektiven auf einen Krieg geblickt und dieser erinnert wird. Die Ausstellungen setzen den Nationalsozialismus in direkte Beziehung zum Stalinismus und rahmen den Krieg damit europäisch, nicht national. Eine Haltung, die das Museum in seiner noch jungen Geschichte bereits mehrmals unter politischen Druck geraten ließ – und die es heute, unter seinem aktuellen Direktor Rafał Wnuk, doch wieder klar einnimmt: als Ort gegen das Vergessen und gegen den Krieg.

Cornelius Puschke hat sich mit dem leitenden Fachreferenten der wissenschaftlichen Abteilung, Jan Daniluk, am Rande unseres Besuchs unterhalten.



Cornelius Puschke (CP): Lieber Jan Daniluk, zuerst möchte ich mich dafür bedanken, dass wir das Gespräch auf Deutsch führen. Wir befinden uns im Museum des Zweiten Weltkriegs und mir ist die Rolle als Deutscher hierher zu kommen bewusst.
 
Jan Daniluk (JD): Gerne.

CP: Könnten Sie mir zum Beginn unseres Gesprächs von der Geschichte des Museums des Zweiten Weltkriegs erzählen, von seiner Entstehung und wie es zu dem geworden ist, was es jetzt ist.
 
JD: Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig ist eine staatliche Einrichtung, die im Jahr 2008 gegründet wurde. In den folgenden Jahren entstanden die Sammlungen, das Museum wurde gebaut und 2017 eröffnet. Zurzeit arbeiten hier knapp 160 Mitarbeitende. In Polen gibt es viel Interesse an Geschichte, besonders an dem Zeitraum 1939-45. Der Zweite Weltkrieg spielt eine bedeutende Rolle in der kollektiven Erinnerungskultur. Deswegen wird über unser Museum viel gesprochen, wir haben viele Besucher:innen. Unsere Projekte dienen aber nicht innenpolitischen Zwecken, sondern wir sind ein aktiver Partner für verschiedene ausländische Projekte. Wir sind zu 100 Prozent finanziert vom polnischen Ministerium für Kultur und Nationalerbe.

„Die Dauerausstellung befindet sich unter der Erde, am tiefsten Punkt dieses Hauses. Das ist kein Zufall. Wir haben die Geschichte des Bösen, des Schreckens, des Krieges unter der Erde begraben.“

CP: Was ist Ihre Rolle hier in dem Haus, sowohl in der Entstehung des Museums als auch heute?
 
JD: Ich arbeite in der wissenschaftlichen Abteilung. Mein wissenschaftliches Projekt betrifft das deutsche Kriegsgefangenenwesen während des Zweiten Weltkriegs. In den Jahren 2015 bis 2017, also in der Phase unmittelbar vor der Eröffnung des Museums, war ich einer von ungefähr 20 Kurator:innen der Dauerausstellung.
 
CP: Sie haben also die ganze Entstehungsgeschichte des Museums und insbesondere der Dauerausstellung in wichtiger Funktion begleitet und haben dann aber den Weg Richtung Universität gewählt.
 
JD: Ja, nach 2017 habe ich mich entschieden, in anderen Einrichtungen zu arbeiten. Nun bin ich an der Universität angestellt und vor ein paar Monaten bin ich in anderer Rolle in das Museum des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt.
 
CP: Wenn wir jetzt auf die Konzeption des Hauses, der Ausstellung, seiner Aufgaben und Ziele zu sprechen kommen, interessiert mich sehr, aus welcher Perspektive all das entstanden ist, auch in seiner organisatorischen Struktur.
 
JD: Wir sprechen hier von einer der größten geschichtlichen Dauerausstellungen Europas mit einer Fläche von 5000 Quadratmetern. Die Dauerausstellung befindet sich unter der Erde, am tiefsten Punkt dieses Hauses. Das ist kein Zufall. Wir haben die Geschichte des Bösen, des Schreckens, des Krieges unter der Erde begraben. Und wie der Name schon sagt: Es ist das Museum des Zweiten Weltkrieges. Kein Krieg aus polnischer Perspektive, kein Krieg aus europäischer Perspektive. Es geht um den Krieg als globales Ereignis. Das gibt es sonst nirgendwo in der ganzen Welt. Deswegen haben wir auch einen Raum über die japanische Besatzung in Ostasien. Es geht um die Sowjetunion, um die Kämpfe in Nordafrika. Mit der Dauerausstellung wollen wir betonen, dass die größte Zahl von Opfern während des Krieges in der Zivilbevölkerung war. Und wir wollen die Komplexität der Geschichten der osteuropäischen Staaten darstellen, denn wir als Polen wissen, dass das für manche Menschen aus dem Ausland, aus Westeuropa, aus den Amerikas und auch aus Asien nicht so einfach zu verstehen ist. Es gab hier nicht nur eine Besatzung, sondern mehrere: Zuerst die sowjetische, dann die deutsche, dann wieder die sowjetische. Deswegen hat der Begriff Befreiung im Kontext des Endes des Krieges eine ganz andere Bedeutung, wenn wir beispielsweise an Frankreich und Norwegen denken oder wenn wir an die Ostseestaaten, an Polen oder die ehemalige Tschechoslowakei denken.

Ein Blick in das Museum. © Carl Ahner

CP: Aus wissenschaftlicher und kuratorischer Perspektive ist es ja eine ganz andere Aufgabe die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in Südostasien zu erzählen als die in Polen oder in Nordafrika. Wie sind sie das strukturell angegangen?
 
JD: Wir haben das nicht nach den Erfahrungen von Staaten oder Völkern organisiert, nicht aus geografischer Perspektive, sondern nach Themen wie Hunger, Widerstand, Terror, Besatzung und Kollaboration, Verbrechen oder Alltagsleben von Soldat:innen. Am Anfang hatten wir aber kein einziges Objekt. Wir haben also erstmal unsere Sammlung aufgebaut. Danach gab es dann die Idee der Dauerausstellung und erst dann folgte der Bau des neuen Museums. Die Reihenfolge war also vergleichsweise unkonventionell. Das war die erste Phase. Und nach der Eröffnung der Dauerausstellung folgte die zweite Phase. Jetzt haben wir unser Ziel erreicht. Wir haben das geschafft. Dieses Museum ist unser Werkzeug und damit möchten wir nun etwas mehr machen.

„Im Krieg gibt es keine Sieger. Es gibt nur Seiten, die weniger verloren haben.“

CP: Wie sind sie damit umgegangen, dass dieses Museum einerseits durch seinen Standort in Gdańsk in einer Stadt steht, die durch den Zweiten Weltkrieg besonders heftig betroffen war, und sie andererseits einer globalen Perspektive gerecht werden wollen?
 
JD: Es gab viele Probleme und Streits während der Entstehung dieser Dauerausstellung um die Frage, wie und was wir zeigen sollten. Auch die kleinsten Details spielten hier eine Rolle, die Reihenfolge, welche Begriffe wir benutzen, warum ein Objekt näher zum zentralen Punkt des Raumes ist als das andere und so weiter. Das war die schwierigste Aufgabe. Wir hatten einen Programmrat: Er bestand aus polnischen Historiker:innen aus verschiedenen Städten und Teilen des Landes und wissenschaftliche Vertreter:innen anderer Länder, zum Beispiel aus Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Israel, Frankreich und auch aus Russland. Wir wollten diese unterschiedlichen Perspektiven in unsere Arbeit integrieren und mit ihnen sensibel umgehen. Und natürlich stießen wir so auf eine ganze Reihe von Fehlern und Widersprüchen. Aber genau diese riesige und schwere Aufgabe führte am Ende zu dem wunderbaren Resultat.
 
CP: In Deutschland – und ich glaube für Polen kann man das auch sagen – hat sich der politische Diskurs in Bezug auf Erinnerungskultur in der Öffentlichkeit stark verändert. Sie ist umstrittener denn je und hat eine immense Bedeutung bekommen. Die unterschiedlichen politischen Lager haben alle ihre Wahrheiten und formulieren daraus Ansprüche an öffentliche Einrichtungen, an die Politik und insbesondere auch an Kulturinstitutionen, die einen erinnerungspolitischen Auftrag haben. Ich weiß, dass Sie diesen Druck auch hier am Haus spüren und spürten.
 
JD: Ja, für einige war unsere Dauerausstellung zu wenig heroisch, zu pazifistisch und nicht polnisch genug. Diese Leute wollen nicht verstehen, warum dieses Museum gegründet wurde. Im Krieg gibt es keine Sieger. Es gibt nur Seiten, die weniger verloren haben. Krieg ist kein Abenteuer. Geschichte ist keine Waffe, besonders für Politiker:innen. Es ist eine Bildungsaufgabe und gleichzeitig gibt es fast keine Zeitzeug:innen mehr, die diese Zeit noch erinnern. Deswegen ist diese Erinnerungsarbeit unsere Aufgabe. Und gleichzeitig müssen wir in die Zukunft gucken und uns fragen: Was tun wir weiter? Wir sind eine Einrichtung für Diskussionen, für Debatten, für die Zusammenarbeit. Wir wollen ein Partner in internationalen Beziehungen sein. Es geht um einen Austausch der Gedanken, um Austausch von Ideen.

Jan Daniluk im Gespräch mit den Geförderten. © Carl Ahner

CP: Das finde ich toll und wichtig zu hören, dass Sie diesen internationalen Weg gehen und weiterentwickeln wollen. Gleichzeitig war der jetzige Staatspräsident Polens, Karol Nawrocki,  mehrere Jahre lang Leiter dieses Hauses…
 
JD: Ja, ich kenne ihn persönlich. Wir haben vor 2015 einige Jahren zusammen in der Danziger Abteilung des Instituts für Nationalgedenken gearbeitet.
 
CP: …,der ja politisch für eine andere Idee steht.
 
JD: Das stimmt.

CP: Nicht für eine Idee der internationalen Begegnung und der globalen Perspektiven, sondern der offen das Interesse vertritt Polen ins Zentrum der Erinnerungskultur zu rücken. Nun ist er nicht mehr Direktor dieses Hauses, sondern Staatspräsident dieses großen Landes. In welchem Verhältnis steht das Haus heute zu seiner Präsidentschaft?
 
JD: Ich sage immer, es ist gut, dass wir uns ändern. Es geht um Demokratie im heutigen Sinn. Wir können miteinander leben in demselben Staat. Er ist unser Staatspräsident. Ich habe Respekt. Ich stimme ihm vielleicht nicht zu in verschiedenen Dingen, aber die Einrichtung funktioniert weiter.

„Uns geht es um die Wahrheit, um die Objekte und um wissenschaftliche Bildungsarbeit, insbesondere in diesen politisch sehr dynamischen Zeiten.“

CP: Ungestört und unbeeinflusst?
 
JD: Ja. Es ist schon so, dass es seit einigen Jahren politisch in eine andere Richtung geht, aber unsere Hauptaufgaben wie der Bau der neuen Zweigstelle auf der Westerplatte-Halbinsel, die freie Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeit oder die Schaffung von neuen Ausstellungen ist davon unbeeinflusst. Das geht die ganze Zeit weiter. Wissen Sie, was für mich wirklich wichtig ist? Ich war dabei, als dieses Museum noch im Bau war. Das, was wir geschaffen haben, existiert und wird weiter existieren. Wissen Sie, die Ausstellung ist so groß, es ist unmöglich, die ganze Konzeption zu ändern. Sie ist wie ein Perpetuum Mobile, das läuft einfach. Wir sind kein kleines Museum, wir spielen eine wichtige Rolle, und zwar nicht nur in Polen. Das funktioniert und das freut mich wirklich sehr.
 
CP: Das ist gut zu hören. Im Rahmen des Programms Übermorgen interessieren wir uns sehr dafür, wie sich Kultureinrichtungen zukünftig entwickeln, was die Kultureinrichtungen selber tun können, damit sie selber ihre Zukunft gestalten können und nicht von anderen fremdgestaltet werden. Wie sieht das Übermorgen für das Museum des Zweiten Weltkriegs aus?
 
JD: Wir sollten uns stärken, für unsere Stabilität sorgen. Es gibt viele Projekte über Geschichte, in Polen, in Deutschland, weltweit. Und die Museen spielen eine immer größere Rolle. Wissen Sie warum? Weil es um die Objekte geht. Besonders nach der Corona-Pandemie und der massiven Digitalisierung unseres Alltags sehnen wir uns nach Interaktion mit richtigen physischen Objekten. Und plötzlich spielten die Museen eine immer größere Rolle. Uns geht es um die Wahrheit, um die Objekte und um wissenschaftliche Bildungsarbeit, insbesondere in diesen politisch sehr dynamischen Zeiten. Geschichtsmuseen sind die Schatzkammern der Vergangenheit.

Cornelius Puschke und Jan Daniluk im Gespräch. © Carl Ahner

CP: Wenn ich zum Abschluss einen weiteren Punkt hinzufügen darf: Ich glaube, dass Museen und Kultureinrichtungen im Allgemeinen Orte der Begegnung von Menschen sind – in all ihren Unterschieden, ihren Identitäten, ihren Perspektiven auf Kriege, auf Erinnerungskultur, auf Nationalitäten. Deswegen bin ich so dankbar, sie kennenzulernen, dieses Gespräch mit Ihnen führen zu können, weil ich glaube, dass diese Art von Begegnungen nicht einzigartig bleiben dürfen, sondern wir sie weiter entwickeln sollten.
 
JD: Ja, selbstverständlich. Museen müssen ein Treffpunkt sein für verschiedene Gruppen, von verschiedenen Menschen.
 
CP: Lieber Jan Daniluk, vielen Dank. Auf noch viele gute Treffen und Begegnungen.

Steckbrief

Museum des Zweiten Weltkriegs

Gründungsjahr: 2008

Anzahl der Mitarbeitenden: 160

Jahresbudget (Festbudget, Drittmittel, Spenden/private Mittel): 30 Millionen Zloty (etwa 7 Millionen Euro) zuzüglich Eigeneinnahmen

Rechtsform: Staatliche Kultureinrichtung

Anzahl der Besucher pro Jahr: 620.749 (2025)

Art der Veranstaltungen: Sonderausstellungen sowie ein umfangreiches Begleitprogramm (Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler), regelmäßige kuratorische Führungen durch die Dauer- und Sonderausstellungen, Buchvorstellungen und historische Diskussionen, wissenschaftliche Konferenzen (auch in Kooperation mit anderen Einrichtungen), Seminare und offene Diskussionen (u. a. zu Themen rund um den Krieg im weiteren Sinne sowie zu aktuellen Konflikten), Kulturfestivals, Filmvorführungen im eigenen Kino, Theateraufführungen (sowohl in Zusammenarbeit mit externen Partnern als auch durch die eigene Theatergruppe), historische Picknicks und Outdoor-Veranstaltungen.