Es sollte niemals fertig sein.

Im Interview mit Prof. Dr. Marjan Doom,
Direktorin des GUM Ghent University Museum

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Das GUM Ghent University Museum wurde 2020 eröffnet. Bereits 1797 wurde der Botanische Garten gegründet – seit 1902 befindet er sich an seinem heutigen Standort.

Das GUM von außen. © Carl Ahner

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den großen und bekannten Museen der Stadt Gent liegt mit dem GUM Ghent University Museum ein sehr spezielles Wissenschaftsmuseum. Aus einer Vielzahl disparater wissenschaftlicher Sammlungen hat seine Leiterin Marjan Doom mit einem klaren Konzept und einem sehr freien Umgang mit den Exponaten einen Ort geschaffen, der nach den Grundlagen und Grenzen der Wissenschaft fragt. Ihre Zielgruppe sind die außergewöhnlich vielen jungen Menschen in der Universitätsstadt – doch ohne spielerischen Schnickschnack und mit viel Liebe zur Inszenierung ist das GUM ein Beispiel für die Stärke konzeptioneller Konsequenz.

Cornelius Puschke hat sich mit Marjan Doom am Rande unseres Besuchs im GUM unterhalten.



Cornelius Puschke: Das GUM ist eine relativ junge Einrichtung mit einer langen Tradition. Könntest du mir etwas über die Geschichte dieser Einrichtung, ihre Sammlungen und darüber erzählen, wie es 2020 zur Gründung des GUM kam?
 
Marjan Doom: Die Universität Gent ist mehr als 200 Jahre alt. Die akademischen Sammlungen entstanden 1817. Vor 2020 waren all diese Sammlungen über den Campus verstreut, viele Objekte standen oder wurden in Fluren, auf Dachböden und in Kellern gelagert. Vor 25 Jahren entstand die Idee, all diese Sammlungen zu schützen und ein Museum zu gründen, in dem sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Die endgültige Entscheidung für diese Investition fiel etwa 2012–2013. Zu dieser Zeit gehörte ich zu den Personen, die an einer Fakultät an den Sammlungen arbeiteten.

„Oft beginnen Ausstellungen mit einem zentralen Exponat und der Entscheidung, was gezeigt werden soll. Wir haben es umgekehrt gemacht.“

CP: Du warst also bereits dort, bevor die Entscheidung zur Gründung fiel?
 
MD: Ja, ich arbeitete an den anatomischen Sammlungen. Wir waren eine kleine Gruppe von sechs Personen, die an verschiedenen Standorten tätig waren, und zu dieser Zeit kamen wir häufiger zusammen, um Richtlinien für die Sammlung zu erarbeiten. Ich begann, mit kleineren Ausstellungen außerhalb des Museums zu experimentieren, an verschiedenen Orten in der Stadt, und daraus entstand die Idee, eine Dauerausstellung zu kuratieren. Es war ein sehr wichtiger Schritt der Universität, uns das Vertrauen dafür zu schenken. Ich würde mich damals als jung bezeichnen, mit einem sehr jungen und kleinen Team. Sie hätten das Ganze leicht an ein großes Unternehmen übergeben und sagen können: „Baut ein Museum!“ Aber das taten sie nicht. Es war also wirklich eine der schönsten Zeiten meiner Karriere. Zunächst begann ich mit der Mission und Vision des Museums – Was ist die Erzählung? Wer wollen wir sein? An wen richten wir uns? – anstatt mir die Sammlungen anzusehen und zu entscheiden, was wir ausstellen sollten. Oft beginnen Ausstellungen mit einem zentralen Exponat und der Entscheidung, was gezeigt werden soll. Wir haben es umgekehrt gemacht. Sobald die Mission und die Erzählung feststanden, begann ich, mich in die Sammlungen zu vertiefen, um herauszufinden, wie man eine Geschichte erzählen kann. Eine weitere wichtige Entscheidung war, kein Museum zur Geschichte der Universität zu schaffen, sondern eines zum wissenschaftlichen Denken. Im Laufe der Jahre verlagerte sich unser Fokus vom wissenschaftlichen Prozess hin zu Forschungsmethoden. Auch die künstlerische Forschung spielt hier heute eine große Rolle. Deshalb bezeichne ich das GUM als Forschungsmuseum und nicht als Wissenschaftsmuseum.
 
CP: Es gibt noch ein weiteres wichtiges Wort in eurem Leitbild: Zweifel. Als du deine Arbeit als Museumsdirektorin aufnahmst, hast du ein Buch geschrieben: „The Museum of Doubt“ – ich würde es als eine Art Manifest oder Mission Statement für das GUM bezeichnen, wie eine neue Software. Was ist für dich das Museum of Doubt, insbesondere im Hinblick auf die Wissenschaft?
 
MD: Während der Vorbereitungszeit für das Museum habe ich viele Wissenschaftler:innen interviewt und sie gefragt: Was ist Wissenschaft? Und ich war sehr frustriert, weil ich so viele unterschiedliche Antworten bekam. Sie fingen an, sich untereinander zu streiten, viele beharrten auf ihrer eigenen Wahrheit. Es war schwierig, aus diesem Dilemma herauszukommen. Ein wichtiger Schritt im weiteren Prozess war, nicht zu sagen, was Wissenschaft ist, sondern gemeinsam mit den Besucher:innen zu erforschen, was Wissenschaft sein kann. Also begann ich, an Fragen zu arbeiten wie: Was hat ein:e Philosoph:in mit eine:m Physiker:in gemeinsam? Und ein:e Linguist:in mit eine:m Botaniker:in? Zweifel war der einzige Begriff, den sie alle teilten. Sie waren sich einig, dass man immer bereit sein muss, seine Hypothese über Bord zu werfen. Für mich ist Zweifel der Kern des wissenschaftlichen Denkens, aber ich habe auch gelernt, dass es ein sehr wichtiges Wort für viele andere Disziplinen ist, nicht nur für die Wissenschaft. Es ist auch in den Künsten wichtig. Zweifel verbindet Menschen, wenn man nicht nur ein:e Mitläufer:in sein und sich auf absolute Gewissheiten und Wahrheiten einlassen will.

Ein Blick in die Ausstellung. © Carl Ahner

CP: Ich verstehe diesen Ansatz und diese Herangehensweise bei der Entwicklung eines Museumskonzepts, aber andererseits frage ich mich, woran du nicht zweifelst, woran du zutiefst glaubst. Wovon bist du fest überzeugt?
 
MD: Ich glaube fest an Ästhetik und Schönheit, denn das ist etwas, was man normalerweise nicht mit einem Wissenschaftsmuseum in Verbindung bringt. Meistens werden Objekte in Wissenschaftsmuseen mit viel hellem Licht und leuchtenden Farben präsentiert, sie werden als Wissensvermittler dargestellt, während ich denke, dass in unseren Sammlungen so viel Schönheit steckt. Das war also eine weitere wichtige Entscheidung: Wir werden die Objekte als Kunstobjekte ausstellen und nicht nur als Werkzeuge. Unsere gedämpfte Beleuchtung in dem Museum regt zum Nachdenken an und bringt die Schönheit der Objekte zur Geltung.
 
CP: Bei eurer internen Entscheidungsfindung und der Entwicklung kuratorischer Konzepte spielt es also eine große Rolle, wie sich die Ausstellungen anfühlen, wie sie aussehen und klingen.
 
MD: Ja, das ist auch der Grund, warum wir bei den Wechselausstellungen immer mit Szenograph:innen aus dem Theater zusammenarbeiten, denn sie schaffen eine ganz andere Art von Erlebnis. Wir verstehen unsere Ausstellungen als Bühnen, wie ein Set, eine Szenerie.

„Wir sind nie angekommen, wir befinden uns immer dazwischen.“

CP: Als du das Buch geschrieben hast, musstest du wahrscheinlich gleichzeitig auch ziemlich praktische Entscheidungen treffen, zum Beispiel wie die Institution gestaltet werden sollte: Wer gehört zu meinem Team? Welche Strukturen brauchen wir, um diese einzigartige und mutige Vision zu verwirklichen? Wie hast du das Ganze in die Praxis umgesetzt?
 
MD: So, wie du das fragst, klingt es, als wäre schon alles fertig und abgeschlossen, dabei habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich schon fertig bin. Alles befindet sich im Entstehen und in der Experimentierphase, aber wie ich bereits sagte, halte ich es für wichtig, in dieser Entstehungsphase auch zu bleiben. Wir sind eine liminale Organisation, und meine Aufgabe ist es, sie in dieser liminalen Phase zu halten und nicht zuzulassen, dass sie sich als Institution festfährt. Sie sollte niemals fertig sein. Sie sollte immer wie etwas sein, das organisch wachsen kann, um zu spüren, was in der Gesellschaft geschieht, was innerhalb der Universität geschieht. Wir sind fließend und flexibel. Es ist eine ständige Übung, uns im akademischen und kulturellen Feld zu positionieren, in Verbindung mit Museen und den Künsten. Wir sind nie angekommen, wir befinden uns immer dazwischen. Es ist kein essentialistischer Ansatz. Ich denke, das ist ein sehr gesunder Zustand für eine kulturelle Institution.
 
CP: Als ich die Ausstellungen besuchte und mir die Objekte sowie die Art und Weise, wie sie platziert und kontextualisiert sind, ansah, gab es ein Tier, das wunderbar mit der Art und Weise harmonierte, wie du das Museum des Zweifels beschreibst: den Tasmanischen Tigerwolf. Könntest du mir ein wenig über dieses Tier erzählen?
 
MD: Es ist ein Tier, das ausgestorben ist, obwohl es Geschichten gibt, die besagen, dass dies nicht der Fall ist.

Der Tasmanische Tigerwolf. © GUM Ghent University Museum

CP: Es gibt Zweifel…
 
MD: Genau. Es ist ein Tier, das sich nicht leicht definieren oder klassifizieren lässt. Es ist niedlich, aber gefährlich. Es steht für etwas, das Wissenschaftler:innen sehr interessiert, aber auch für etwas, das Menschen unbedingt in eine Schublade stecken wollen, was aber nicht möglich ist. Es ist eine liminale, unentschiedene Existenz. In dieser Hinsicht hat es also eine starke Verbindung zu dem, was wir sind, ja.

„Künstler:innen in ein Team zu integrieren, kann disruptiv sein […]. Aber für mich ist das eine konstruktive Herausforderung. Im besten Fall sind sie sowohl Mitgestalter:innen als auch ein störender Faktor.“

CP: Wie bringst du diese Art von Praxis in deine interne Arbeit ein? Wenn du Besprechungen hast, wenn du Entscheidungen über deine Strategie treffen musst, darüber, was du in zwei oder fünf Jahren vorhast – inwieweit fließt dein Verständnis von Zweifel oder dieser Liminalität auch in deine interne Arbeit und deine tägliche Praxis ein?
 
MD: Ich leite diese Organisation nicht wie eine Institution. Wir befinden uns in einer Phase, in der sich viele Menschen wohlfühlen würden, wenn sich gewisse Routinen etablieren würden. Ich unterbreche diese Routinen ständig. Zum Beispiel versuche ich gerade, das „Housemaker“-Programm für darstellende Künstler:innen einzuführen, die nicht nur als Resident:innen hier sind, sondern auch Mitglieder des Teams werden. Künstler:innen in ein Team zu integrieren, kann disruptiv sein, weil sie eine andere Sicht- und Denkweise einbringen. Aber für mich ist das eine konstruktive Herausforderung. Im besten Fall sind sie sowohl Mitgestalter:innen als auch ein störender Faktor. Das kann manchmal schwierig sein, aber es ist eine sehr gesunde Art, die Dinge dynamisch und lebendig zu halten.

CP: Ein Kollege aus dem Manchester Museum, Ciaron Wilkinson, sagte: „Wenn man immer demselben Prozess folgt, erhält man auch immer dasselbe Ergebnis.“ Wenn man also den Prozess nicht hinterfragt, kommt man auch nicht zu einem anderen Ergebnis. Ist das der Grund, warum die Ausstellungen hier anders wirken und sich anders anfühlen?
 
MD: Ja, und es ist definitiv nicht der einfache Weg.
 
CP: Aber es schafft einen Unterschied.
 
MD: Ja, weißt du, ich bin Veterinärin und von Haus aus Anatomin, und ich habe mir den naiven Zugang zu dieser Arbeit beibehalten. Ich komme nicht aus dem Kultur- oder Kunstbereich und bin keine Kulturwissenschaftlerin. Ich hatte also keine vorgefertigten Konzepte im Kopf und bewahre mir diese Naivität bewusst.
 
CP: Ich hoffe, du kannst das noch lange beibehalten, insbesondere für die Zukunft. Ich wünsche dir dafür alles Gute. Danke.

Marjan Doom und Cornelius Puschke im Gespräch. © Carl Ahner

Steckbrief

GUM Ghent University Museum

Gründungsjahr:
Das Museum wurde 2020 eröffnet, während der Botanische Garten bereits 1797 gegründet wurde und sich seit 1902 an seinem heutigen Standort befindet.

Mission / Vision:
GUM & Botanischer Garten geben Besucherinnen und Besuchern Einblick in die Denk- und Arbeitsweise von Wissenschaftler:innen. Als Forum für Wissenschaft, Zweifel & Kunst bringen sie Besuchende, Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Studierende zusammen und laden sie ein, kritisch zu denken. All dies wurzelt in den wertvollen akademischen Sammlungen der Universität Gent, wird von ihnen inspiriert und mit großer Sorgfalt für dieses Erbe gestaltet.

Anzahl Mitarbeitende:
34 Vollzeitäquivalente (VZÄ)

Anzahl Besuchende pro Jahr:
Im Jahr 2025 begrüßten GUM & Botanischer Garten rund 94.000 Besucherinnen und Besucher. Die Hauptzielgruppe sind junge Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren. Mehr als 40 % der Einzeltickets (ohne Schulbesuche) werden von Personen unter 26 Jahren erworben.

Art der Veranstaltungen:
Als Forum fördern GUM & Botanischer Garten die wissenschaftliche Bildung ihrer Besuchenden, führen sie in eine Welt des Zweifelns ein und regen durch einen vielstimmigen Dialog zum kritischen Denken an. Mit Ausstellungen, Publikationen und einem vielfältigen Programm treten GUM & Botanischer Garten in einen lebendigen Austausch mit ihrem Publikum. Das öffentliche Programm ergänzt die Ausstellungen und vertieft deren Themen durch Workshops, Vorträge, Debatten, künstlerische Aufführungen und offene Gespräche.

Website und Social-Media-Links:
Website: https://www.gum.gent/en
Facebook: https://www.facebook.com/GUMgent/
Instagram: https://www.instagram.com/gumgent/
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