„Die eigenen Vorstellungen von der Zukunft ständig erneuern.“

Im Interview mit John McGrath, Künstlerischer Leiter der Factory International

Das Manchester International Festival (MIF) ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im internationalen Festivalkalender – nicht zuletzt dank seines Künstlerischen Leiters John McGrath. Der Erfolg des Festivals und eine groß angelegte kulturpolitische Strategieentwicklung für den Norden Englands unter den Stichworten „Access and excellence“ brachten etwas Einzigartiges hervor: die Factory International. 2023 wurde die Kulturinstitution mit einem spektakulären Neubau, den Aviva Studios, im Herzen Manchesters eröffnet. Die Factory ist internationaler Hub für künstlerisch herausragende Produktionen und lokaler Motor einer lebendigen und starken Kulturszene, die sie mit umfangreichen Community-Projekten und einer eigenen Nachwuchs-Academy strukturell fördert.

Cornelius Puschke traf John McGrath am Rande unseres Besuchs für ein Interview und fragte, wie dieses mutige Vorhaben Realität wurde.

Ein Blick hinter die Kulissen. © Carl Ahner

Cornelius Puschke (CP): Bitte beschreibe die Factory International als Organisation mit deinen eigenen Worten.

John McGrath (JM): Factory International ist eine Kunst- und Kreativorganisation, die ein breites Spektrum neuer künstlerischer Arbeiten produziert und gleichzeitig Communities in Manchester in den Bereichen Kreativität, berufliche Qualifikation unterstützt und fördert. Wir schaffen Räume und Möglichkeiten für Debatten, Diskussionen und Begegnungen.

„Unsere Mission ist, gemeinsam die Zukunft zu erfinden, indem wir außergewöhnliche neue und mutige Kreationen entwickeln, die die Welt neu denken.“

CP: Und wie sieht die Geschichte und Tradition von Factory International aus? Wie ist sie zu dem geworden, was sie heute ist?

JM: Wir wurden 2005 als Manchester International Festival gegründet, das erste Festival fand 2007 statt. Das Konzept des Festivals besteht darin, neuartige künstlerische Arbeiten zu produzieren und Künstler:innen aus aller Welt nach Manchester einzuladen. Seit den Anfängen wurde diese Arbeit in internationaler Partnerschaft mit anderen Festivals und Veranstaltungsorten auf der ganzen Welt entwickelt. Das Festival wurde bekannt für seinen Anspruch, Werke in einer außergewöhnlichen Größenordnung zu produzieren und die Grenze zwischen hoher und populärer Kunst zu überwinden. In den letzten Jahren wurde außerdem ein starker Fokus darauf gelegt, dass die Arbeiten eng mit lokalen Communities in Manchester verbunden sind.

In 2015 wurden wir eingeladen, gemeinsam mit dem Manchester City Council die Idee für einen neuen Veranstaltungsort in Manchester zu entwickeln, der 2023 eröffnet wurde. Der Veranstaltungsort heißt heute Aviva Studios. Im Zuge der Entwicklung dieses Neubaus wurde uns klar, dass wir uns nicht mehr einfach Manchester International Festival nennen konnten, da wir viel mehr als das waren. Also gründeten wir eine neue Organisation namens Factory International, die eine Hommage an das berühmte Musiklabel Factory Records ist, das die kulturelle Identität der Stadt maßgeblich geprägt hat. Factory International betreibt nun das Manchester International Festival, die Aviva Studios, die Factory Academy und eine Vielzahl von Community-Programmen, unser digitales Online-Angebot und unser internationales Touring-Programm. Unsere Mission ist, gemeinsam die Zukunft zu erfinden, indem wir außergewöhnliche neue und mutige Kreationen entwickeln, die die Welt neu denken.

CP: Ich möchte nochmal auf das Jahr 2015 zurückkommen, denn in diesem Jahr gab es ja eine besondere Dynamik. Das Manchester City Council wandte sich mit der Idee, einen neuen Veranstaltungsort zu bauen, an das Festival. Wie kam es dazu und warum haben sie sich ausgerechnet an das Festival gewandt?

JM: Das Manchester City Council hatte schon immer eine ambitionierte Agenda in der Kulturförderung. Dieser Ansatz war Teil einer langfristigen Investition in die kulturelle und künstlerische Infrastruktur, die zum Wachstum der Stadt, zur Verbesserung der Lebensqualität der Bürger:innen und zur Steigerung des internationalen Ansehens von Manchester beitragen sollte. Das Festival war Teil davon. Im Jahr 2015 kündigte die Regierung an, dass sie in neue Infrastruktur im Norden Englands investieren wolle, da die Investitionen im Vereinigten Königreich seit mehr als 50 Jahren zwischen dem Süden und dem Norden unausgeglichen waren. Der Stadtrat ergriff diese Gelegenheit und schlug eine Reihe von Infrastrukturprojekten vor, darunter auch die Programmatik des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals in ein ganzjähriges Angebot zu verwandeln.

„Die britische Regierung stellte eine beträchtliche Summe zur Verfügung […]. Das City Council war bereit, die bereitgestellten Mittel zu ergänzen. All dies war Teil der Stadtentwicklungsstrategie.“

CP: Und als dies 2015 geschah, war da bereits klar, dass das in Zusammenarbeit mit Sponsoren und Partner:innen aus der Privatwirtschaft entstehen würde?

JM: Die britische Regierung stellte eine beträchtliche Summe zur Verfügung, nicht nur für den Bau der Veranstaltungsstätte, sondern auch für ihre laufenden Kosten. Das City Council war bereit, die bereitgestellten Mittel zu ergänzen. All dies war Teil der Stadtentwicklungsstrategie, mit der mehr wirtschaftliche Aktivität im Stadtzentrum geschaffen werden sollte. Aber die Kosten stiegen, wir hatten Covid, wir hatten die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine, sodass immer noch eine Budget-Lücke bestand. Das City Council beschloss, einen Fundraising-Ansatz zu verfolgen, der normalerweise im Sport- und Musikbereich zum Einsatz kommt, nämlich die Vergabe von Namensrechten für Gebäude. Mit unserer Unterstützung entwickelte die Stadt eine Kampagne, die Unternehmen die Möglichkeit bot, ihren Namen auf dem Gebäude zu installieren und einen zusätzlichen Betrag zu den Baukosten zu leisten. Das war ein neuer Investitionsansatz in der Kunst, der nicht ohne Kontroversen blieb, da einige der Meinung waren, dass dadurch Kunst und Wirtschaft zu eng miteinander verflochten würden. Das City Council hat einen guten Prozess mit potenziellen Partner:innen durchgeführt, um zu prüfen, wie sie sich verhielten, welche Werte sie vertraten und ob sie sie für geeignet hielten. Am Ende entschied man sich für Aviva, ein Versicherungs- und Rentenunternehmen, das seinen Namen auf dem Gebäude anbringen durfte. Das Unternehmen unterstützte die letzten Bauphasen und fördert das Haus auch weiterhin.

CP: Ich würde gerne etwas über deine persönliche Rolle in diesem Prozess erfahren, da du 2015 künstlerischer Leiter des Festivals warst. Wie hast du auf das Vorhaben der Stadt reagiert? Wie habt ihr diese großen Pläne dann entwickelt?

JM: Das geschah zu einem wirklich interessanten Zeitpunkt. Der erste Ansatz und die Idee entstanden vor meiner Ernennung, unter meinem Vorgänger Alex Poots. Als ich den Posten übernahm, war das Gebäude bereits ein Projekt, das die Stadt und das Festival verwirklichen wollten. Der Standort war auch schon gefunden, aber es gab noch keine Architekt:innen und nur der erste Teil der staatlichen Finanzierung war gesichert. Die Einnahmen für die laufenden Kosten standen noch nicht fest, und es stellte sich die Frage, in welcher Beziehung das Festival zu dem Gebäude stehen würde. Es hätte also einfach sein können, dass das Festival für das Gebäude in einer beratenden Rolle wirkt und als Büro diente, aber es gäbe eine separate Organisation, die das Gebäude betreiben würde. Oder am anderen Ende, näher an dem, was wir letztendlich erreicht haben, dass das Festival die Organisation werden würde, die das Gebäude betreibt. Wir mussten auch Architekt:innen finden, die unsere Vision der gewünschten architektonischen Flexibilität teilten. Es musste also festgelegt werden, wie wir sowohl die physische Gestaltung des Gebäudes als auch die Struktur und unsere Rolle darin umsetzen wollten. Ich habe viel Zeit damit verbracht, daran zu arbeiten.

John McGrath im Gespräch mit den Teilnehmenden der Inspirationsreise. © Carl Ahner

CP: Wie sieht ein typischer Montagmorgen im Leben von John McGrath aus und wie verläuft der Tag?

JM: Interessanterweise findet am Montagmorgen unsere Programmsitzung statt, bei der wir uns zusammensetzen und alle kuratorischen Ideen für die Zukunft besprechen. Ich glaube, wir haben diese Sitzung bewusst auf den Montagmorgen gelegt, weil es eine wirklich hoffnungsvolle und spannende Art ist, die Woche zu beginnen.

CP: Wann beginnt dein Arbeitstag?

JM: Wenn möglich, nicht vor 10 Uhr morgens. Ich mag es nicht, früh anzufangen. In dieser Hinsicht bin ich ein klassischer Theatermensch, aber ich bin sowohl Geschäftsführer als auch künstlerischer Leiter, daher gibt es eine Reihe von Budget- und Strategiesitzungen. Ich liebe Strategieentwicklung, Finanzen nicht so sehr. Ich versuche, meine Zeit etwa zu gleichen Teilen aufzuteilen: 50 Prozent verbringe ich mit direkten Aufgaben im Bereich Kunst, 50 Prozent mit Überlegungen zur Entwicklung des Unternehmens und zur Strategie der Organisation.

„Das [‚ideas breakfast‘] ist einer der Wege, mit denen wir die Organisation öffnen und versuchen die Barrieren und Hierarchien abzubauen.“

CP: Strategische Planung spielt eine wichtige Rolle in deiner Arbeit, und ich vermute, dass diese Fähigkeit auch Teil deiner Persönlichkeit ist. In der monatlichen internen Agenda der Factory habt ihr ein besonderes Meeting, das ebenfalls in eure strategische Arbeit einfließt und ihr „ideas breakfast” nennt. Kannst du mir etwas mehr darüber erzählen?

JM: Ja, das ist einer der Wege, mit denen wir die Organisation öffnen und versuchen die Barrieren und Hierarchien abzubauen. Es handelt sich um ein Frühstückstreffen, das einmal im Monat an einem Mittwoch um neun Uhr morgens stattfindet und zu dem alle Mitarbeiter:innen und Freiberufler:innen der Organisation kommen können, um ein kostenloses Frühstück zu genießen und über Kunstwerke zu sprechen, die sie gesehen haben, sowie über Ideen für Veranstaltungen, die im Gebäude oder im Rahmen des Festivals stattfinden könnten. Manchmal stellen wir eine bestimmte Frage, wie zum Beispiel „Was möchten wir im Bereich Tanz machen?”. Manchmal diskutieren wir einfach offen über Kunst und Künstler:innen, die die Leute gesehen haben. Daraus entstehen dann viele Ideen für die Programmsitzung, in der wir entscheiden können, wie wir sie weiterverfolgen wollen. Viele unserer Mitarbeiter:innen sind selbst Künstler:innen. Wir haben Pförtner, die Musiker sind, wir haben Managerinnen, die Schriftstellerinnen sind, wir haben alle möglichen Künstler:innen im Team. Es ist also auch eine Gelegenheit für sie, diese Seite auszuleben.

CP: Das ist eine schöne Idee, die gut zu der konkreten Gegenwart der Organisation und ihren Mitarbeiter:innen passt – ein regelmäßiger Moment der Teilhabe, der Zusammengehörigkeit. Und wir sprechen eben nicht nur über die Gegenwart, sondern auch über die Zukunft: Eure Mission lautet „Invent Tomorrow Together“ (Gemeinsam die Zukunft erfinden), was mit dem konzeptionellen Ansatz von „Übermorgen“ sehr verwandt ist, da es um Vorstellungskraft geht und um die Suche nach Wegen, für eine gute Zukunft zu sorgen. Welches Verständnis von Zukunft wendet ihr in eurer täglichen Arbeit an?

JM: Unsere Mission ist es, kooperativ, gerecht, international, erfinderisch und offen zu sein. Wir wollen in allen Bereichen unserer Arbeit neue Modelle der Nachhaltigkeit entwickeln. Wir glauben daran, neue Spielplätze, Treffpunkte und Räume zu schaffen, in denen wir lokal und global voneinander lernen können. Deshalb rufen wir Künstler:innen und Kreative dazu auf, uns mit möglichen Ideen zu überraschen, wie diese Zukunft aussehen könnte. Wir sind sehr offen, jeder kann Ideen einreichen, wir schauen uns alle an und erneuern dadurch ständig unsere eigenen Vorstellungen von der Zukunft.

CP: Alles Gute für die Zukunft, vielen Dank, John.

Cornelius Puschke im Gespräch mit John McGrath. © Carl Ahner

Steckbrief

Factory International

Gründungsjahr:
2023 (Eröffnung der Aviva Studios)
 
Mission:
Gemeinsam das Morgen erfinden.

Vision:
Eine Welt, in der Kreativität uns verbindet und trägt.

Werte:
Kollaborativ, gerecht, international ausgerichtet, erfinderisch und offen.

Anzahl Veranstaltungen pro Jahr:
250
 
Anzahl Besuchende pro Jahr:
485.422 (2025)

Website:
https://factoryinternational.org/