„Es durfte keine Fusion durch Übernahme werden.

Im Interview mit Francesca Poloniato, Direktorin, und Céline Rousseau, Stellvertretende Direktorin von LE ZEF

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LE ZEF – scène nationale de Marseille für zeitgenössische Kunst, Theater, Tanz und Musik ist 2019 aus dem Zusammenschluss des Théâtre du Merlan und der Gare Franche hervorgegangen.

LE ZEF – scène nationale de Marseille ist aus der Fusion von zwei sehr verschiedenen Häusern entstanden: dem Théâtre du Merlan, einer national geförderten Bühne, und La Gare Franche, einem Künstlerhaus mit Werkstatt und Gärten, das nach dem Tod seines Gründers, des Künstlers Wladyslaw Znorko, ohne langfristige Planungssicherheit dastand. Auf Vorschlag der Kulturbehörde begann ein Prozess, der zwei Jahre dauern sollte, von einer externen Beraterin begleitet wurde und Schritt für Schritt das ganze Team, die assoziierten Künstler:innen und schließlich auch die Behörden einbezog. Die Direktorin Francesca Poloniato und ihre Stellvertreterin Céline Rousseau erzählen, was es braucht, damit aus zwei Teams eines wird, das gemeinsam in die Ferne blickt.

Francesca Poloniato und Céline Rousseau bei ihrem Vortrag, mit der Dolmetscherin Anke Oldenburg in der Mitte, Mai 2026. © Carl Ahner

Cornelius Puschke (CP): Meine erste Frage ist eine persönliche Frage: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Francesca Poloniato (FP): Als ich nach Marseille gekommen bin, um für die Leitung des Théâtre du Merlan zu kandidieren, hatte ich mir verschiedene Orte angeschaut, darunter auch zweimal die Gare Franche. Das erste Mal bin ich am späten Nachmittag gekommen. Da es schon sehr dunkel war, habe ich nicht alles gesehen. Am nächsten Morgen bin ich nochmal wiedergekommen und habe dann Céline und ihre Kolleginnen von der Gare Franche getroffen. Ich fand den Ort sehr schön, mit einer wunderbaren Atmosphäre und einem Team von Frauen, die diesen Ort trotz des Tods des dort lange ansässigen Künstlers beschützten und zu bewahren versuchten.

Céline Rousseau (CR): Und wir haben dann auch gemeinsam ein paar Projekte durchgeführt, bevor es zur Fusion vom Théâtre du Merlan und der Gare Franche gekommen ist.

CP: Das heißt, ihr hattet bereits eine Arbeitsbeziehung entwickelt und etabliert, bevor die Fusion eurer beiden Einrichtungen ein Thema wurde.

FP: Ja, aber eine kurze, berufliche Beziehung.

CP: Könntet ihr unabhängig voneinander eure beiden Einrichtungen beschreiben, bevor ihr in die engere Zusammenarbeit gegangen seid?

FP: Was das Merlan betrifft, so war es für mich zuerst einmal eine Scène Nationale, eine nationale Bühne, mit einer Spielstätte, die an einem besonderen Ort liegt, in einem ebenfalls außergewöhnlichen Viertel. Und dieses Theater hat mir mit seiner Bühne und den Rängen, die ein wunderschönes Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum schaffen, sehr schnell gefallen. Man fühlt sich den Künstler:innen auf der Bühne wirklich ganz nah. Ich habe ein Team vorgefunden, das sich sehr nach einer neuen Aufgabe sehnte. Dieses Theater ist für mich also kein schönes Theater im klassischen Sinne, es ist eher hässlich, an einem hässlichen Ort, aber ich fand es schön und wollte es durch meine Arbeit verschönern. Inzwischen arbeite ich schon seit zehn Jahren am Merlan. Es wird vom Team geliebt und auch von den Anwohner:innen.

CR: Und La Franche ist ein Haus und eine Werkstatt, umgeben von Gärten. Ein Ort, der aus der Idee eines Künstlers entstanden ist, der sich an einem bestimmten Punkt seines Lebens befand, wo er den Wunsch verspürte sich niederzulassen. Er hat sich aus der Beziehung zwischen dem Künstler und der Umgebung entwickelt und ist ein Ort des künstlerischen Schaffens, ein Arbeitsort, wie eine Werkstatt. Er ist nicht dafür ausgelegt, Aufführungen zu zeigen, sondern ist zum Arbeiten gedacht. Hier geht es wirklich um die Idee einer Arbeitsstätte und die Zeit, die Künstler:innen dort verbringen. Gerade weil wir keine Aufführung zeigen, ist eines der wichtigen Themen der Gare Franche die Frage, wie der künstlerische Schaffensprozess mit den Anwohner:innen geteilt wird – wie Künstler:innen mit der Bevölkerung in einen Austausch treten.

Die Politik machte uns sehr schnell klar, dass sie diesen Ort wichtig findet und erhalten will, es aber keine langfristige Planungssicherheit gibt.

CP: Ihr kanntet euch also, hattet eine kurze Arbeitsbeziehung. Es gab die beiden Häuser mit ihren Geschichten, Praktiken, Aufgaben und Zielen – in all ihren Unterschieden. Und dann gab es aber ein Momentum, eine Situation, die neu war und eine Veränderung notwendig wurde. Was ist passiert?

CR: Ja, es gab eine veränderte Situation, als der Künstler, der diesen Ort gegründet hatte, Wladyslaw Znorko, gestorben ist. Von diesem Moment an wollte das Team, das diese Einrichtung leitete, den künstlerischen Geist dieses Ortes erhalten, ohne Vlad einfach auszutauschen. Das war der Ausgangspunkt. Es entstand dann ein neues System, ein neues Projekt, mit Künstler:innen im Zentrum. Aber dieses Vorhaben war ziemlich fragil, insbesondere hinsichtlich der Unterstützung durch die Kommunen und den Staat. Die Politik machte uns sehr schnell klar, dass sie diesen Ort wichtig findet und erhalten will, es aber keine langfristige Planungssicherheit gibt.

Zehn Kilometer von uns entfernt war Francesca gerade zur Leiterin vom Théâtre du Merlan ernannt worden, mit einem Konzept, das sehr auf die städtische Umgebung ausgerichtet war. Wir hatten begonnen, uns zu treffen und kennenzulernen, und wollten in dieser für uns heiklen Phase miteinander einen Schritt weiter gehen. Wir spürten, dass es eine starke Komplementarität in dem gab, was wir in Bezug auf die Stadtgesellschaft taten, und so begannen wir, mit einer neuen Perspektive zusammenzuarbeiten und uns in dieser Komplementarität anzunähern.

Die Geförderten im Gespräch mit Francesca Poloniato und ihrem Team auf der Terrasse der Gare Franche. © Rebecca Ellsäßer

CP: Wie war es für das Théâtre du Merlan? Hattet ihr auch eine Krise, eine Herausforderung, eine Veränderungsnotwendigkeit?

FP: Als ich ankam, war es eine sehr schwierige Zeit für das Team, das ein turbulentes Ende der vorherigen Leitung erlebt hatte. Es gab einen Stadtteil in Aufruhr, hohe Erwartungen gegenüber der neuen Direktion, ein sehr angeschlagenes Team und dazu die Behörden, die sagten: Mit ihr muss es klappen, sonst verliert ihr den Titel „Scène Nationale“. Es hing ein Damoklesschwert über uns.

Das Konzept, mit dem ich mich auf die Leitung beworben hatte, war sehr offen für die verschiedenen Stadtteile und beinhaltete ein ganz anderes Verständnis von Leitung, sodass ich das Team schnell zusammenführen konnte. Es gab im Team dafür gleich eine große Zustimmung und wir haben uns an die Arbeit gemacht. Es gab dann keine weiteren Unstimmigkeiten – ich fühlte mich dort sehr wohl und das Team arbeitete gut zusammen. Wir bekamen erste Rückmeldungen aus den Stadtteilen und die Politik war beruhigt. Ich wusste, dass dann auch die finanziellen Mittel kommen würden, da unser Vorhaben Gestalt annahm. Ich war also zu diesem Zeitpunkt nicht in einer besonders verzweifelten  Lage – ich hatte bereits viel zu tun.

Es durfte keine Fusion durch Übernahme werden, das kam nicht in Frage.“

CP: Ihr hattet also in euren Institutionen zwei völlig unterschiedliche Arten von Krisen, die ihr managen musstet. Wie ist es vor diesem Hintergrund zu der Fusion eurer Häuser gekommen und was hat sie bewirkt?

FP: Wir hatten die Krise bereits überwunden und waren voll und ganz in unser neues Vorhaben vertieft. Ich kam 2015 dazu, und die Krise legte sich recht schnell im Laufe der Jahre 2016 und 2017. Wir waren mit dem Merlan-Team bereits auf einem guten Weg, ganz ohne die Gare Franche. Die Möglichkeit der gegenseitigen Bereicherung und Ergänzung unserer Einrichtungen habe ich aber erkannt. Die DRAC (Direction régionale des affaires culturelles, Regionaldirektion für kulturelle Angelegenheiten) hat den Fusionsvorschlag unterbreitet, damit sich die Gare Franche besser aufstellen, konsolidieren und ihre Arbeit fortsetzen kann, ebenso wie das Merlan. Die Argumente, die mir genannt wurden, lauteten, dass mein künstlerisches Konzept mit einer Künstler:inneninitiative verbunden werden könnte und es wichtig sei, in einem großen Gebiet arbeiten zu können und über einen Ort zu verfügen, der Künstler:innenresidenzen ermögliche.
Ich musste mit dem Merlan-Team sprechen. Sie mussten der Fusion zustimmen. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen.

Gebt mir Zeit, damit wir ein neues Konzept entwickeln können, das Sinn ergibt, sonst wird es nicht funktionieren. Und sie haben uns die Zeit gegeben.“

Die Arbeit Le désir de regarder loin stammt von der italienischen Künstlerin Ilaria Turba. © Rebecca Ellsäßer

CP: Wie habt ihr eure Zusammenarbeit von diesem Moment an strukturiert? Habt ihr beide euch an einen Tisch gesetzt und das alles gemacht? Oder gab es noch andere, externe Personen, die euch begleitet und beraten haben?

FP: Wir waren nie nur zu zweit. Es war immer auch eine Kollegin von Céline dabei. Zunächst hatte ich große Angst, das muss ich zugeben. Von Anfang an hielt ich es für unerlässlich, während des gesamten Prozesses von einer externen Beraterin unterstützt zu werden. Es durfte keine Fusion durch Übernahme werden, das kam nicht in Frage. Ich habe dann darum gebeten, die Beraterin auswählen zu dürfen, die mit uns zusammenarbeiten sollte. Wir haben dann eine Frau namens Hélène Cancel ausgewählt, die mit uns über zwei Jahre zusammengearbeitet hat. Das war eine sehr lange Zeit, aber das habe ich von den Behörden verlangt: Gebt mir Zeit, damit wir ein neues Konzept entwickeln können, das Sinn ergibt, sonst wird es nicht funktionieren. Und sie haben uns die Zeit gegeben. Manchmal haben wir mit dem ganzen Team gearbeitet. Auch die assoziierten Künstler:innen waren zu bestimmten Zeitpunkten in diesem Prozess der Fusion dabei.

Ich hatte die Möglichkeit mich einmal im Monat mit der Beraterin in einem Büro in Paris zu treffen. Das fühlte sich an, als sei ich bei meiner Psychologin. Es ging wirklich darum, wie ich diese Situation erlebe und diesen Schritt zur Seite machen kann, um einen Ort zu integrieren, der eigentlich eine Art Wohnhaus war mit Zimmern und Küche. Es gab Gemeinschaftsgärten, es gab Hühner, vor denen ich phobische Angst habe. Es war ein ganz anderes Umfeld als das Merlan. Dafür brauchte ich die Beraterin. Sie kam alle zwei Monate dazu, um mit den Teams zu arbeiten und mit ihren Mitgliedern einzeln zu sprechen. So hat sie uns eine kooperative Teamarbeit vermittelt. Sehr schnell erkannte ich in diesem Prozess dann, wie sich Célines Rolle in einem Organigramm abzeichnete.

„Es ist ein Prozess, der nicht strukturell auferlegt war, sondern eine gemeinsame Betriebskultur hervorbrachte, die schon vor der Fusion von Lachen und Freude geprägt war.

CR: In diesem Prozess war es sehr wichtig, dass wir in Kreisen gearbeitet haben. Und diese Kreise der beteiligten Personen wurden nach und nach größer, bis schließlich das gesamte Team, die Künstler:innen und sogar die Behörden in unseren Arbeitsprozess einbezogen waren. Und was besonders beeindruckend war: Als die Fusion dann strukturell umgesetzt wurde, gab es bereits eine sehr starke gemeinsame Betriebskultur, eine unglaubliche Freude am Zusammensein und viel Lachen. Es ist ein Prozess, der nicht strukturell auferlegt war, sondern eine gemeinsame Betriebskultur hervorbrachte, die schon vor der Fusion von Lachen und Freude geprägt war.

FP: Und genau in dem Moment, als die Fusion Realität wurde, habe ich eine italienische Künstlerin eingeladen und sie gebeten, sich mit der Fusion und den beiden Teilen der Stadt zu beschäftigen. Sie hat eine Arbeit geschaffen, die den Titel „Der Wunsch, in die Ferne zu blicken“ trägt.

CP: Das ist ein tolles Schlusswort. Vielen Dank euch für die Einblicke in diesen besonderen Prozess. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft.

Steckbrief

LE ZEF – scène nationale de Marseille

Gründungsjahr / Entwicklung:
1978: Gründung des Vereins Centre culturel du Merlan
1993: Anerkennung als Scène nationale
2019: Zusammenschluss von Théâtre du Merlan und Gare Franche → Gründung von Le ZEF

Anzahl der Mitarbeitenden: 26

Jahresbudget: 3,3 Mio. €
(Eigenmittel, Drittmittel, Spenden und private Zuwendungen)

Rechtsform: Verein (Association)

Anzahl der Veranstaltungen pro Jahr:
100 Aufführungen, 20 Filmvorführungen, 900 Stunden Workshops u. a.

Anzahl der Besucher*innen pro Jahr: 20.000

Veranstaltungsformate:
Spartenübergreifende Aufführungen aus Theater, Tanz, Zirkus und Musik, Ausstellungen, Kino, Workshops u. a.