Neu definieren, was ein Museum im 21. Jahrhundert sein kann.

Im Interview mit Ciaron Wilkinson,
Head of Partnerships and Engagement im Manchester Museum

„Wir wollen das inklusivste, fantasievollste und fürsorglichste Museum werden, das Sie je besuchen werden“ – mit dieser Zielsetzung leistet das Manchester Museum ein großes Versprechen. Und seine Auszeichnung als Europäisches Museum des Jahres 2025 zeigt, dass es auf diesem Weg schon weit gekommen ist. Nach umfassender Sanierung wurde das traditionsreiche Universitätsmuseum 2023 wiedereröffnet. Seine archäologischen, anthropologischen und naturhistorischen Sammlungen bilden das Fundament einer programmatischen Neuausrichtung. Unter der Leitung von Esme Ward prägt ein klar an den Menschen der Stadt orientierter Wertekompass das Haus. Mit aufwändigen ko-kuratorischen Ausstellungen und einem konsequent inklusiven Ansatz zeigt das Team des Manchester Museum, dass postkoloniale Perspektiven jenseits ideologischer Schlagworte eine produktive Kraft entfalten können – als Chance, einen Ort zu schaffen, der nicht nur besucht, sondern auch gebraucht wird.

Am Rande unseres Besuchs sprach Cornelius Puschke mit Ciaron Wilkinson, der als „Head of Partnership and Engagement” einen wichtigen Bereich des Hauses verantwortet.

Blick in das Manchester Museum. © Carl Ahner

Cornelius Puschke (CP): Könntest du bitte mit Deinen eigenen Worten das Manchester Museum als Institution beschreiben?

Ciaron Wilkinson (CW): Das Manchester Museum ist eine Organisation, die sich dafür einsetzt, Verständnis zwischen den Kulturen zu schaffen und neu zu definieren, was ein Museum im 21. Jahrhundert sein kann. Es ist ein Ort, an dem 4 Millionen Objekte aufbewahrt werden, um die wir uns kümmern. Aber darüber hinaus haben wir eine umfassendere Sichtweise darauf, was Care bedeutet. Für uns bedeutet Care im Bezug auf ein Objekt nicht nur, sich um das physische Objekt selbst zu kümmern, sondern auch um seine Geschichte, seine Vergangenheit und auch um alle Gemeinschaften oder Menschen, die heute noch leben und mit diesem Objekt in Verbindung stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere ethnografische Sammlung, die wir als unsere Sammlung lebendiger Kulturen bezeichnen, da jedes Objekt darin eine Kultur repräsentiert, die heute irgendwo lebendig ist, und wir nicht nur Hüter dieses Objekts, sondern auch seiner Geschichte und Kultur sind.

„Wir [sind] nicht nur Hüter dieses Objekts, sondern auch seiner Geschichte und Kultur.“

CP: Und was ist deine Rolle darin?

CW: Als Head of Partnerships and Engagement bin ich für alle Partnerschaften und den Aufbau von Beziehungen verantwortlich, die wir hier pflegen. Das können lokale oder nationale Einrichtungen sein, Förderinstitutionen oder politische Entscheidungsträger, andere kulturelle Einrichtungen in der Stadt, im In- oder Ausland oder auch lokale Gemeinschaften, Menschen, die in der Nachbarschaft des Museums leben. Ich versuche, einen Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen wir uns mit Menschen verbinden können, indem ich die Grundsätze entwickele, nach denen wir zusammenarbeiten wollen: Offenheit, Ehrlichkeit, Transparenz und der Versuch, sicherzustellen, dass wir nicht ausbeuterisch sind. Wir wollen kein Museum sein, das den Menschen Dinge wegnimmt, sondern eines, das faire Beziehungen aufbaut.

Ein Blick in die Ausstellungsräume. © Carl Ahner

CP: Inklusion, Vorstellungskraft und Fürsorge sind die Grundwerte des Manchester Museum. Wie setzt ihr diese konkret in Eurer tagtäglichen Praxis um, z. B. bei organisatorischen Entscheidungsprozessen?

CW: Wir glauben daran, diese Werte zu nutzen, um Entscheidungen zu fällen. Wenn wir beispielsweise intern oder extern E-Mails versenden, Flyer erstellen, Informationen über Veranstaltungen oder Texte oder Ausstellungen verfassen, fragen wir uns: Tun wir das auf eine fürsorgliche Art und Weise? Verwenden wir eine Sprache, die inklusiv ist? Ähnlich verhält es sich, wenn wir Anfragen von externen Organisationen erhalten, die mit uns zusammenarbeiten wollen. Die Werte helfen uns, Entscheidungen über Partnerschaften zu treffen. Beispielsweise könnte eine Organisation zu uns kommen und sagen, dass sie eine Veranstaltung für eine bestimmte Community organisieren möchte, aber die Person, die diese Veranstaltung verantwortet, ist nicht repräsentativ für diese Community und es gibt möglicherweise niemanden anderes, der das kann. In diesem Fall könnten wir entscheiden, dass diese Zusammenarbeit nicht das Richtige für uns ist.

„In Großbritannien gibt es einen sehr wichtigen […] Satz, der aus der Behindertenrechtsbewegung stammt: Nichts über uns ohne uns. Und diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Museum.“

Unsere Arbeitsweise hat sich auch konkret auf das Gebäude ausgewirkt. Unsere Werte haben uns dazu geführt, auf eine inklusive Art und Weise zu arbeiten. Ich habe zwei gute Beispiele dafür: Das eine ist unser Picknickbereich. Unser Museum verfügt über eine Mikrowelle, Besteck und ist wunderschön gestaltet. Unser Picknickbereich ist sehr hell, weil wir der Meinung sind, dass die Menschen es verdienen, hierher zu kommen. Wir möchten Ihnen damit sagen: Wenn Ihr das Manchester Museum besuchen möchtet, ohne einen einzigen Penny oder ein einziges Pfund auszugeben, dann könnt Ihr das tun, und wir möchten, dass Ihr das tut! Das zweite Beispiel ist unsere barrierefreie Toilette. Menschen mit Behinderungen, die einen Hebezug oder eine Winde benötigen, um auf die Toilette zu gehen, können ebenfalls hierherkommen. Das Design der Toilette wurde gemeinsam mit einer lokalen Wohltätigkeitsorganisation entworfen, die mit einem beeindruckenden jungen Mann mit Behinderung namens Joe zusammenarbeitet. In Großbritannien gibt es einen sehr wichtigen und populären Satz, der aus der Behindertenrechtsbewegung stammt: Nichts über uns ohne uns. Und diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Museum.

CP: Ich schätze, diese Werte geben euch eher das Gefühl eines Flows, wenn es um Entscheidungen geht, statt dem Gefühl einen großen Schritt in eine unbekannte Richtung machen zu müssen.

CW: Auf jeden Fall, und 99% der Menschen, die sich an das Museum wenden, sehen unsere Arbeit und teilen unsere Werte. Aber das war nicht immer so. Es dauert eine Weile, bis man so weit ist. Aber jetzt kann ich sagen, dass die Menschen sich ganz natürlich zu einem hingezogen fühlen, wenn man diese Werte klar und konsequent lebt.

CP: Es ist wie ein Magnetfeld.

CW: Magnetisch ist genau richtig, ja.

Ciaron Wilkinson. © Carl Ahner

CP: Du beschreibst jetzt die Gegenwart. Aber das Manchester Museum und sein Gebäude ist ziemlich alt, 130 Jahre. Es gibt eine lange Geschichte und Tradition. Und das bedeutet oft Exklusion, zumindest in der Tradition europäischer oder westlicher Institutionen. Jetzt seid ihr auf dem Weg, das Manchester Museum inklusiv zu machen. Ich bin mir sicher, dass es in den letzten Jahren auch einige Konflikte und Herausforderungen gab. Kannst du mir etwas mehr darüber erzählen? Wie ihr mit diesen Konflikten umgegangen seid?

CW: Eine der wichtigsten Fragen ist, wie ein Museum im Jahr 2026 relevant bleiben kann. Das ist eine große Herausforderung. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, um inklusiver zu werden, unsere Türen zu öffnen und den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie hierher gehören, ist darauf zurückzuführen, dass wir wissen wollen, was in Manchester gebraucht wird. Wir versuchen, auf die aktuellen Bedürfnisse von Manchester einzugehen, und das war auch die treibende Kraft hinter den Veränderungen, die wir vorgenommen haben. Manchester ist eine äußerst vielfältige Stadt mit über 200 Sprachen. Eine der vielfältigsten Städte der Welt und auch der Geburtsort so vieler Veränderungen. So viele Dinge haben hier ihren Anfang genommen, sich verbreitet und die Welt beeinflusst. Wenn also Konflikte auftreten, fragen wir uns, ob wir weitermachen wollen wie bisher – im Wissen, dass das eine Herausforderung sein wird. Denn die Folgen, nichts zu tun, sind oft viel schlimmer als etwas zu tun.

„Wenn man immer denselben Prozess verfolgt, erhält man immer dasselbe Ergebnis.“

CP: Komplizierter, konfliktreicher.

CW: Genau. Man muss sich nur den Museums- und Kultursektor in Großbritannien und Europa ansehen: Alle kämpften wirklich darum, relevant zu bleiben. In Zeiten von TikTok und Netflix müssen sich Museen, Galerien und Kultureinrichtungen gegenüber einer bisher nie da gewesen Auswahl an Alternativen beweisen. Der Grund für den Erfolg dieses Museums ist, dass es sich nicht scheut, etwas Neues auszuprobieren. Wenn man immer denselben Prozess verfolgt, erhält man immer dasselbe Ergebnis. Die Menschen, die hier arbeiten, haben keine Angst, einfach etwas auszuprobieren. Wenn es nicht funktioniert, ist das okay. Wenn es funktioniert, ist das großartig. Und wenn es nur ein bisschen funktioniert, haben wir vielleicht etwas gelernt. Oftmals gibt es in dieser Hinsicht große Ängste.

Eine Führung durch die Ausstellung. © Carl Ahner

CP: Ich finde es gut, dass du Emotionen wie Angst und Mut erwähnst und deren Relevanz für die organisatorische Praxis. Aber wie schafft man eigentlich eine Atmosphäre des Vertrauens, auch intern? Wenn man sich extern auf hochkomplexe oder konfliktreiche Themen konzentrieren will, ist es für eine Kulturorganisation sehr wichtig, intern Sicherheit und Vertrauen zu haben.

CW: Es ist wirklich wichtig, dass sich alle involviert und angesprochen fühlen. Wenn wir eine Ausstellung kuratieren, ist jemand aus jedem einzelnen Team dabei. Und genauso arbeiten wir auch mit den Communities zusammen. Oft wird Engagement, Outreach und Community-Arbeit als etwas angesehen, das man zusätzlich macht. Sie wird am Ende angehängt, um eine Checkbox abzuhaken oder um etwas so aussehen zu lassen, als wäre es „ko-kuratiert” worden. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir alle von Anfang an in diesen Prozessen beteiligen.

Bei der internen Arbeit geht es wirklich darum, Erfolge zu feiern und hervorzuheben, warum ein Veränderungsprozess funktioniert hat. Für die internen Arbeitsbeziehungen spielt die Größe der Organisation eine bedeutende Rolle. Wir haben hier etwa 100 Mitarbeiter:innen, und das ist eine tolle Zahl, weil ich 100 Menschen kennen kann. Es gibt keine einzige Person, die hier arbeitet, deren Namen ich nicht kenne oder mit der ich noch nie gesprochen habe.

„Was wir tun, ist, Menschen zusammenzubringen, damit sie sich besser verstehen.“

CP: Das klingt nach einer sehr selbstbestimmten Arbeitsweise, die ihr hier praktizieren könnt. Ihr könnt die Werte festlegen und sie in eure interne Arbeit und Entscheidungsprozesse einfließen lassen. Aber wie geht ihr mit externen Kräften um, die diese Selbstbestimmung in Frage stellen? Mit Menschen, die sagen: „Ich möchte nicht, dass Sie dies oder jenes tun.“ Die euch vorschreiben, was ihr tun dürft und was nicht, und versuchen, euch als Institution zu beeinflussen und zu destabilisieren. Kommt das vor und wen ja, wie geht ihr damit um?

CW: Es ist unglaublich wichtig, dass wir uns ganz klar darüber sind, wofür wir stehen, und dass wir dies auch durchgängig umsetzen. Wir erhalten E-Mails von Menschen, die sagen, dass sie mit unserer Dekolonialisierungsarbeit oder Teilen unseres öffentlichen Programms nicht einverstanden sind, und die fragen, warum wir uns nicht mehr auf bestimmte Kulturen oder Glaubensrichtungen usw. konzentrieren. Das passiert ständig. Ich werde immer mit diesen Menschen ins Gespräch gehen und ihnen sagen: „Sehen Sie, es gibt viele Orte, an denen Ihre Werte gefeiert werden. Und ich möchte Ihnen nichts davon nehmen. Aber was wir tun, ist, Menschen zusammenzubringen, damit sie sich besser verstehen.“ Das andere ist, Daten zu haben, die das untermauern. Wir führen Umfragen durch. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Gemeinden und unseren Besucher:innen. Wir fragen sie, wie sie sich in unserem Gebäude fühlen und was sie gerne mehr oder weniger sehen würden. Wir wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen sich einen Ort wünscht, an dem sie sich sicher fühlen und an dem sie die Welt und die Geschehnisse besser verstehen können. Sie wünschen sich mehr davon, weil solche Orte immer seltener werden. Bibliotheken schließen, Kulturzentren und Jugendzentren kämpfen ums Überleben, Tafeln werden eröffnet. Es gibt nur sehr wenige Orte, an denen Menschen zusammenkommen können, um sich zu begegnen und etwas Neues zu lernen. Diese Überzeugung, dass es genau das ist, was wir brauchen, gibt uns die Kraft, an unseren Zielen festzuhalten, und wir glauben, dass die Ergebnisse für sich sprechen: Seit unserer Wiedereröffnung vor drei Jahren hatten wir fast 2,5 Millionen Besucher:innen.

CP: Und dieser Weg führt auch zum Erfolg. Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen, dass das Manchester Museum zum Europäischen Museum des Jahres 2025 gekürt wurde. Eure Wirkung zeigt sich also nicht nur lokal, sondern wird auch international anerkannt und ausgezeichnet.

CW: Das war großartig für uns und fühlte sich wie eine Bestätigung für alles an, was wir getan und alle Entscheidungen, die wir getroffen haben.

CP: Ich wünsche Dir und Euch alles Gute für die Zukunft. Vielen Dank, Ciaron.

Cornelius Puschke im Gespräch mit Ciaron Wilkinson. © Carl Ahner

Steckbrief

Manchester Museum

Gründungsjahr: Ursprünglich 1835 als Manchester Natural History Society gegründet. In seiner heutigen Form und in den heutigen Gebäuden wurde es 1890 als Manchester Museum eröffnet.

Mission / Vision: Unsere Mission ist es, das Verständnis zwischen Kulturen zu fördern und zu einer nachhaltigeren Welt beizutragen. Geleitet werden wir von unseren Werten: Inklusion, Vorstellungskraft und Fürsorge.

Das Engagement für Inklusion bedeutet eine stärkere Zusammenarbeit und Ko-Produktion sowie die Einbeziehung vielfältiger Perspektiven, damit wir für die Gemeinschaften, denen wir dienen, relevant bleiben. Das Engagement für Vorstellungskraft bedeutet, sich mit großen Ideen auseinanderzusetzen, Menschen zusammenzubringen, um Geschichten zu erzählen und wichtige Fragen und Forschungsthemen zu erkunden. Das Engagement für Fürsorge bedeutet, Menschen, ihre Ideen und Beziehungen sowie Objekte zu pflegen, damit wir Verständnis, Empathie und Liebe für unsere Welt und füreinander aufbauen können.

Anzahl Mitarbeitende: 105

Rechtsform: Als Universitätsmuseum ist das Manchester Museum eine Kultureinrichtung der University of Manchester und teilt den rechtlichen Status der Universität.

Anzahl der Veranstaltungen pro Jahr: Ca. 220 Veranstaltungen im Jahr 2025

Anzahl Besuchende pro Jahr: 648.595 im Jahr 2025

Art der Veranstaltungen: Wir veranstalten alles von Musikdarbietungen, Literaturveranstaltungen und Podiumsdiskussionen bis hin zu kreativen Angeboten für Familien. Unter unserem Banner „Manchester Museum Celebrates” richten wir außerdem eine Reihe kultureller Feiern aus, darunter das Chinesische Neujahr, den Africa Day, Diwali und mehr.

Website und Social-Media-Links: museum.manchester.ac.uk
Instagram: https://www.instagram.com/mcrmuseum/
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